Presseartikel "Der kleine Terrorladen"
NGZ - 27.06.2007

Ein greller Bühnenspaß

Seit den Feuersteins kennt jeder das typische Steinzeit-Szenario: Während sie daheim die Höhle in Ordnung hält, fürs Grillfeuer sorgt und beim Bügeln fröhlich bekannte Melodien vor sich hinpfeift (oder doch er grunzt?), jagt er einen Bären zum Abendessen, bevor er heimkehrt, um sich für den Rest des Tages auf seinem Campingstuhl niederzulassen.

Und genauso wäre es wohl immer noch, wäre nicht der Homo Erectus ins frühbürgerliche Idyll von Familie Neanderthal eingebrochen, um sich selbst in deren lauschiger Höhle einzurichten. Als ersten Terrorakt der Geschichte zeigt Daniel Wandelt als Autor und Regisseur der „historischen Komödie“ namens „Der kleine Terrorladen“ diesen Einbruch eines fellbehangenen Gewalttäters in das Leben seiner Zeitgenossen.Ist Terror also alles, was die Hüter oder Nutznießer bestehender Ordnung in Angst und Schrecken versetzt? Demnach wäre es vor allem eine Frage der Perspektive, so schließt Wandelt in seinem klamaukigen Bühnenspaß, den Serdar Somuncus Theaternation im Kulturkeller erstmalig präsentierte. Und weil auch Jesus mit seiner Botschaft die Hohepriester seiner Zeit das Fürchten lehrte, ebenso wie Galileo Galilei, dessen verwegene Behauptung, die Erde sei keineswegs der Mittelpunkt der Welt, die Herrschaftsbasis der Katholischen Kirche in ihren Grundfesten erschütterte, zählt Wandelt beide ebenso zu den bedeutsamen Terroristen seiner Tour d’histoire wie etwa Gudrun Ensslin oder besagten Homo Erectus.Das mag man einleuchtend finden oder auch nicht – eine intellektuelle Auseinandersetzung ist ohnehin nicht das Anliegen Wandelts, der eine trashig-skurrile kleine Bühnenarbeit präsentiert, die ungefähr so ernsthaft mit dem Thema Terrorismus umgeht wie man das etwa von der englischen Komikergruppe Monty Python erwartet hätte oder von Matt Groeninning, dem Vater der Simpsons. Und weil aus solcher Perspektive Terror vor allem etwas ist, wonach hinterher irgendwer tot ist, manchmal alle, manchmal aber auch keiner, gerät seine Komödie zu einem grellen Bühnenspaß, der einfach witzig dargestellt ist: Als wohliger Homo Erectus mit stilgerechten Hühnerknochen um den Hals gestaltet Stefanie Krey einen komisch-derben Steinzeitler. Mit zauberhaft gespieltem Unschuldsblick ist die temperamentvolle Neslihan Somuncu ein würdiger Jesus. Als coole Knarrenbraut mit nervösem Tick gelingt Daniela Tillmann eine schöne Karikatur Gudrun Ensslins, während Wandelt selbst mit Galileo Galilei eher einen zeigt, der vor dem angedrohten Terror der Inquisition eine weise Entscheidung trifft. Insgesamt ein Spaß der derberen Art, frisch und mit ganzem Einsatz gezeigt.


Presseartikel "König Ubu"
NGZ - 06.03.2007

Aktuelle Bezüge strapazierten König Ubu

Neuss. Um Alfred Jarrys Satire „König Ubu“ zu begreifen, braucht es Abstraktionsvermögen und das Glück, einer zuschauerfreundlichen Inszenierung beizuwohnen. Zumindest was diesen letzten Punkt betrifft, konnten sich die Gäste im Kulturkeller sicher sein, dass ein mögliches Fragezeichen am Ende des Abends nicht den Akteuren anzukreiden ist. Denn was die neu gegründete TheaterNation unter der Regie von Serdar Somuncu aus dem grotesken Stück der Jahrhundertwende herausholte, war erstaunlich. Vielleicht lag es ja daran, dass Somuncu gar nicht erst den Versuch unternahm, einer wilden Parodie Struktur zu verleihen. Vielmehr trieb er es noch auf die Spitze, ließ seinen Darstellern freien Lauf und kam damit den sinnentleerten Stück französischer Intellektualität wirklich nah. Es ist zwar müßig, den Handlungsablauf zu protokollieren, der Vollständigkeit halber sei aber erwähnt: Vater Ubu reißt mittels eines Staatsstreiches die Regentschaft über ein imaginäres Polen an sich, unterjocht seine Untertanen, wird seinerseits verfolgt und flieht. Was den „König Ubu“ wirklich zu einem sehenswerten Theatererlebnis werden lässt, ist die Maßlosigkeit einer inneren und äußeren Form. Alles ist Überspitzt, übertrieben, entbehrt jeder Vernunft. Sei es nun die maßlose Fresssucht des Ubu, seine vulgäre Sprache oder das praktische nicht vorhandene Bühnenbild. Alfred Jarry hat seine Figuren als entfremdete Unpersonen gezeichnet, die Theaternation beließ es konsequent bei diesem Kunstgriff. So durfte Ralf Hemecker als Ubu nach Herzenslust wüten, den Zuschauer abstoßen und doch durch seine asoziale Unart fesseln. Höhepunkt des infantilen Krawalls: seine ausgiebige Pinkelarie zu Füßen des Publikums. Serdar Somuncu hatte sich selbst die Aufgabe gestellt, das Stück um moderne Problemfelder fehlgeleiteter Machtmenschen zu erweitern. Ein ehrbares Ansinnen, das jedoch nicht gänzlich aufging. George W. Bush, Helmut Kohl und Saddam Hussein zu Zitieren und diese Zitate in ein kaum verständliches, babylonisches Wortgewirr zu stellen, strapaziert der Ur-Ubu doch über die Maßen. Hervorzuheben unter den Darstellern sind neben Ralf Hemecker vor allem Claudia Langer, die das Publikum auf unnachahmliche Weise in die Szenen einführte und Neslihan Somuncu, die über die ausdruckstärkste Mimik verfügt.


Presseartikel TheaterNation

NGZ - 14.12.2006

Auf Tour zu neuen Ufern

VON HELGA BITTNER

Das Kammerensemble ist tot; es lebe die TheaterNation! Mit Fahne, Grundsätzen und vermutlich bald auch mit eigenem Geld und unverbrauchten Ministern. Wer die Leistungen der TheaterNation begutachten will, braucht eine Theatervisum, steht dann aber womöglich einer Majestät gegenüber - etwa Alfred Jarrys „König Ubu“.

Das Drama um den machtgierigen Père Ubu gehört zu den Stücken, die den Neuanfang einer Truppe markieren, die bislang regelmäßig im Kulturkeller gespielt hat, sich fortan aber in erster Linie als Tourtheater profilieren will. Dafür hat sich das Kammerensemble Neuss (KEN) aufgelöst, ist aber mit nahezu kompletter Besetzung (nur zwei Schauspieler haben aufgehört) und altem Chef in der „TheaterNation“ aufgegangen.

Serdar Somuncu macht weiter, will sich in Zukunft mehr um die Gruppe denn um die eigenen Projekte kümmern: „Weg vom Einpersonenauftritt hin zum Ensembletheater“ ist sein Ziel, denn seine eigenen Tourneen hätten ein Ausmaß angenommen, das kaum noch zu schaffen sei. „Mit dem Programm ,Hitler Kebab“ bin ich im nächsten Jahr nur noch im März und Oktober unterwegs“, sagt er, mehr Termine habe er nicht mehr angenommen. So stellt er sich vor, dass seine TheaterNation „dort spielt, wo ich aufgehört habe“.

Allerdings wird es weiterhin seine Reihen „Bild lesen“ und „Schöner Reden“ geben, nur läuft erstere im Düsseldorfer Zakk und letztere in verschiedenen Theatern wie bei den Wühlmäusen in Berlin, im St. Pauli-Theater in Hamburg oder im Hinterhof-Theater in München.

Neuss kehrt Somuncu mit seinen Programmen allerdings nicht so ganz den Rücken: Vier Termine sind für 2008 für neue Soloprogramme geplant. Nur der genaue Spielort ist noch unklar. Im Kulturkeller jedenfalls ist er nur noch mit Blick auf seine TheaterNation zu erleben.

Und das auch nur noch selten. Schon das KEN wollte zwar aus dem Kulturkeller raus, hat aber keinen Ersatz gefunden und letztlich doch nicht von seiner alten Spielstätte gelassen. Allerdings beklagt Somuncu nun, dass das Kulturamt seine Truppe bei Terminabsprachen nicht gut behandelt habe: „Man hat uns mitgeteilt, dass Patrick Schads Einzig Wahres Moment-Theater Priorität in der Belegung hat.“

Dabei habe das Kammerensemble Patrick Schad nach dessen Auszug aus dem Theater am Schlachthof in den Kulturkeller geholt. Jetzt aber seien Terminkontingente von KEN/TheaterNation an ihn und andere Gruppen vergeben worden, „und die Kooperation mit anderen Gruppen im Kulturkeller ist schon immer schwer gewesen“. Deswegen habe die Truppe dann auch den Entschluss gefasst, stärker auswärts zu arbeiten.

Kulturamtsleiter Harald Müller zeigt sich von den Vorwürfen Somuncus völlig überrascht. „Wir haben beide Gruppen gleich behandelt“, betont er, „was allerdings für Serdar Somuncu neu war, denn vorher hat er Termine bestimmt, und Patrick Schad musste sich daran orientieren.“ Müller gesteht Somuncu jedoch zu, verärgert zu sein: „Wer mag es schon, Privilegien zu verlieren.“

Da aber auch Schad eine gute künstlerische Arbeit leiste, hält Müller die Neuregelung für gerecht. „Ich wollte und will Somuncus Truppe nicht verlieren“, sagt er ganz klar und erklärt zudem: „Somuncu hat vielleicht nicht seine Wunschwochenenden bekommen, aber ganz sicher die gewünschte Anzahl an Vorstellungsterminen.“

Auch sein Mitarbeiter Christian Weber, der in der Regel die Terminkonferenzen über die Belegung des Kulturkellers koordiniert, reagiert völlig konsterniert: „Meistens war Serdar Somuncu gar nicht da, und ich kann mich nicht erinnern, dass von seinen Mitarbeitern oder ihm selbst auch nur eine Beschwerde geäußert worden ist.“

Auf dem Spielplan der TheaterNation stehen folgende Stücke: „Angstmän“ (Hartmut L. Kurdi, Übernahme aus KEN-Zeiten), „Hilfe, Mami ist ein Mann!“, „Der kleine Terrorladen“ (beide neu und selbstverfasst) und „König Ubu“ von Alfred Jarry (neu). Alle Stücke sollen auf Tour gehen.

Dass die TheaterNation zwar ihren Sitz in Neuss behält, aber vorrangig auf Tour sein wird, hat nach Somuncus Worten allerdings auch damit zu tun, dass die vom KEN gepflegten Theaterformate in Neuss nicht akzeptiert worden seien. Da der Spielplan zudem politischer werden solle, sieht der Schauspieler und Entertainer wenig Chancen für eine größere Publikumsakzeptanz als vorher. Umgekehrt zieht er daraus aber Zuversicht: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das, was in Neuss nicht geht, andernorts wunderbar funktioniert.“

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